Stigmatisierung von Depressiven in der Gesellschaft

Wer in unserer heutigen Gesellschaft äußert, Depressionen zu haben, hat es in der Regel nicht leicht. Vielfach läuft es bei den meisten Menschen nach folgendem Muster ab.

Schublade auf – den Gestörten rein – Schublade zu

Es wäre jetzt zu einfach, den Handelnden hierbei Böses zu unterstellen. Vielfach gibt es in breiten Bevölkerungsschichten einfach zu wenig Wissen um diese Krankheit. Oft geistern in den Köpfen der Menschen Ideen um irre oder anderweitig gestörte Menschen herum. Dies stimmt natürlich nicht.

Rein statistisch gesehen, erkranken in Deutschland 20 bis 25 Prozent aller Menschen einmal in Ihrem Leben an einer Depression. Also könnte Jeder der nächste sein. Man sollte also informiert sein und mit dem Kranken auch wirklich wie mit einem Kranken umgehen und nicht wie mit einem Irren. Denn das ist er bei weitem nicht.

Doch oft passiert das genaue Gegenteil. Die Depressiven werden nach und nach ausgegrenzt oder grenzen sich krankheitsbedingt selber aus. Das ist schon fast symptomatisch bei dieser Krankheit. Oftmals fehlt einfach die Kraft.

StressDas fängt oft schon mit der Krankschreibung an. Allein dadurch verliert der Kranke schon ein Drittel seines gewohnten Umfeldes. Die Arbeitskollegen sind 8 Stunden am Tag da gewesen. Und jetzt sitzt man allein Zuhause herum. Vielfach haben die Arbeitskollegen auch die Rolle einer kleinen Familie übernommen. Besonders, wenn man schon sehr lange in einer Firma gewesen ist.

Diese Ausgrenzung kann sich auch noch fortsetzen, wenn der Kranke wieder gesund geschrieben ist. Viele Chefs fragen sich dann, ob man den Kranken wieder in seine alte Position einsetzen kann. Schließlich ist er ja – nun ja – durchgedreht…

Hier noch ein Wort an die Chefs.

Euer Mitarbeiter ist weder durchgedreht noch hat er seinen Verstand oder seine Intelligenz eingebüßt. Im Moment muss er nur mit extrem belastenden Lebensumständen zurecht kommen, die seine Kräfte bis zum Anschlag in Beschlag nehmen. Sowohl geistig als auch körperlich. Wenn er wieder gesund ist, wird er seine Aufgaben wieder wie zuvor erfüllen können. Vielleicht sogar besser als jemals zuvor. Geben Sie ihm die Chance, Ihnen dies zu beweisen und lassen Sie ihm auch die Zeit, wirklich wieder auf den Damm zu kommen. Wir haben dies in der Rubrik „Ratschläge für Arbeitgeber“ nochmal ausführlich geschildert.

Ich will Ihnen hier kurz über meine persönlichen Erlebnisse berichten, denn diese fast schon exemplarisch. Bevor ich meine Diagnose bekam, hatten wir jeden Tag Gäste im Haus oder waren irgendwo eingeladen. Oft war mir dies schon zu viel. Krank geschrieben war ich schon seit etwa drei Monaten. Dann kam der Tag der Diagnose. Etwa drei Wochen später verließ mich Knall auf Fall meine Partnerin, mit der ich seit einigen Jahren zusammen war. Von Jetzt auf Gleich kamen keine Besucher mehr zu mir. Wenn ich Leute einlud, wurde ich immer mit einem „ich habe keine Zeit oder Ähnlichem“ hingehalten und abgespeist. Ganz zum Ende hin wurde ich sogar von Veranstaltungen unserer christlichen Gemeinschaft wieder weggeschickt.

Eben war ich noch mitten im Leben und beruflich sehr erfolgreich (Job als Außendienstler und nach Feierabend noch bei einem Freund im Ingenieurbüro), Garten, Haus, Swimmingpool, Sänger und Gitarrist in einer Band, sehr großer Freundeskreis und drei Monate später saß ich allein und von allen verlassen da. Hinzu kamen noch finanzielle Sorgen, da ich plötzlich nur mit meinem Krankengeld zurechtkommen musste und das Einkommen meiner Partnerin auch noch fehlte. Das Haus musste ja weiter bezahlt werden… In einem Monat hatte ich zum ersten alle Rechnungen bezahlt und hatte dann noch 70 Euro auf dem Konto für den ganzen restlichen Monat. Ich verstand die Welt nicht mehr!!! Zusammen mit den Depressionen brachte die Situation mich fast dazu, mir das Leben zu nehmen.

Dies ist meine persönliche Geschichte gewesen, doch sie wiederholt sich jeden Tag mehrere tausend Mal in Deutschland. Auch in Ihrer Nähe gibt es an Depressionen erkrankte, die Sie nicht allein lassen sollten. Auch in Ihrem persönlichem Umfeld. Sie sollten diese Menschen nicht allein lassen. Sicher ist der Umgang mit Depressiven nicht immer ganz leicht und was heute richtig ist, kann morgen schon wieder ganz falsch sein. Doch halten Sie sich immer vor Augen, dass Sie mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit der Nächste sein könnten.

Es kann passieren, dass der Kranke mit Ihnen eine Unternehmung für den nächsten Tag geplant hat und diese plötzlich wieder absagt, weil es ihm nicht gut geht. Nehmen Sie es ihm nicht übel. Wenn Sie eine Grippe hätten, würden Sie auch nicht gern ins Kino gehen. Falls er aber doch mitkommt und die Zähne zusammen beißt, dann kann es passieren, dass er manchmal etwas übellaunig ist oder unangemessen reagiert. Nehmen Sie es ihm nicht krumm und denken Sie an das Beispiel mit der Grippe. Eine Depression kann sich um Längen schlimmer anfühlen als diese.

Depressive müssen die Möglichkeit haben, zu sagen: „Du, heute nicht. Ich habe Depressionen. Aber vielleicht morgen…“. Dann müssen Sie ihm auch glauben, dass er morgen gern mit Ihnen gehen würde. Der Kranke wünscht sich oft nichts sehnlicher. Beziehen Sie den Kranken auch weiterhin in alle Aktivitäten mit ein. Fragen Sie ihn, ob er nicht Lust hat, Dieses oder Jenes mit Ihnen zu unternehmen und werten Sie seine Absagen nicht als Desinteresse. Teilen Sie ihm mit, dass Sie Verständnis für seine Absagen haben und dass Sie diese als Symptom der Krankheit verstehen.

Ebenso müssen Sie bei Besuchen etwas feinfühlig sein. Wenn Sie schon beim Öffnen der Tür sehen, dass der Kranke heute besonders müde und gequält aussieht, dann gestalten Sie Ihren Besuch einfach etwas kürzer. Die Frage nach dem allgemeinen Wohlbefinden sollte an diesen Tagen nicht zu den obligatorischen Pflichten gehören, sondern durchaus ernst gemeint sein.

Der Kranke braucht im Moment nichts mehr, als Menschen die bedingungslos zu ihm stehen. Hier erweist es sich, was Ihnen die Freundschaft mit dem Erkrankten wirklich bedeutet. Hinterher werden Sie einen Freund haben, der für Sie bedingungslos durchs Feuer gehen wird. Auch wenn Sie jetzt vielleicht denken können, er wird die nächsten Tage nicht überstehen.

Fast alle Depressiven werden irgendwann wieder richtig gesund oder können mit kleineren Einschränkungen wieder gewohnt am Leben teilhaben. Lassen wir Ihnen die Zeit, wieder richtig gesund zu werden.

Irgendwo habe ich mal einen Beitrag gelesen, der wie folgt endete: „Der Wert einer Gesellschaft bemisst sich daran, wie sie mit ihren Kranken umgeht…“

Mit diesem Zitat möchte ich diesen Beitrag abschließen.

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